Globalisierung und Wahrung der nationalen Identität

Wir leben in einer Zeit, in der nationale Grenzen und regionale Gebundenheit eine immer geringere Rolle spielen. Räumliche Distanzen werden virtuell überwunden und so ist es bereits zur Normalität geworden, mit Menschen, die über Tausende von Kilometer von uns entfernt sind, zu kommuniziere. Zudem wird auch unsere tatsächliche Mobilität immer größer.

All diese Entwicklungen erwecken leicht den Eindruck, Homogenisierungstendenzen hervorzurufen und auf die Schaffung einer Weltkultur hinzusteuern. In diesem Zusammenhang drängt sich bei mir der Gedanke auf, dass ich als Einzelne immer nur an einem Ort, zu einer bestimmten Zeit, in einer Kultur leben und trotz aller grenzüberschreitenden Tendenzen und vereinheitlichenden Prozesse immer nur ein Mensch mit einer ganz bestimmten Individualität und Identität bleiben kann.

Identität ist keine abgeschlossene Größe, denn sie ist immer im Prozess des Werdens und wird von vielseitigen internen als auch externen Faktoren beeinflusst. Dies impliziert, dass ich stets auch schon eingebunden bin in einen größeren Zusammenhang, in eine gewisse Gesellschaft, welche meine Identität zu einem beträchtlichen Anteil prägt. So nimmt die Kultur die Funktion eines Rahmens ein, innerhalb dessen wir unser Leben gestalten. Jedenfalls ist es notwendig, die eigene Identität auch in Bezug auf die je eigene Geschichte und Kultur klar zusehen und den eigenen Standpunkt zu bestimmen.

Globalisierung ist ein äußerst komplexer und wohl nur sehr schwer zu definierender Begriff. Die eigentliche Herausforderung der Globalisierung bestünde darin, mit anderen in Kontakt zu treten, auf gleicher Ebene zu kommunizieren und auch das Anderssein der Anderen, d.h. deren Identität zu respektieren und nicht nach einer Vereinheitlichung und Einebnung der Unterschiede zu streben. Deren Aufgabe wäre es zu versuchen, weitere Probleme zu verhindern – allen voran das Auseinanderdriften der armen und reichen Staaten zu stoppen und nicht noch mehr zu vergrößern. Wir müssen versuchen, miteinander zurechtzukommen, einander zu verstehen, zu respektieren und miteinander zu interagieren.

McLean definiert in seinem Essay „Globalization as diversity in unity“, das Hauptziel der Globalisierung unter Wahrung kultureller Identitäten. In diesem Zusammenhang tritt natürlich das klassische Problem der Homogenisierungstendenzen und der jeweiligen Einzelkultur. In einer von Ausgrenzung und Ausbeutung dominierten Welt kann ein solches Projekt mit Sicherheit keine Zukunft haben. Unterschiede zwischen den Kulturen sind konstitutiv für die Möglichkeit des gegenseitigen Austausches. Durch den gegenseitigen interkulturellen Dialog oder Polylog, bleiben die Kulturen mit ihrer Eigenheit bestehen. Dieses Bedürfnis nach einer je eigenen und spezifischen Identität dürfte in jedem Menschen verankert sein und daher müssen auch die aktuellen Entwicklungen dieser Grundkonstitution gerecht werden. Zudem wird zum Ausdruck gebracht, dass die Ausweitung dieser ursprünglich auf regionale Räume beschränkte Phänomene oder eben „Lokalismen“ fast ausschließlich von den zentralen und dominanten Ländern ausgeht. Den Ländern der Peripherie werden ebendiese in weiterer Folge als globale Entwicklungen und universelle Gegebenheiten angepriesen und so gerät der eigentliche lokale Ursprung immer mehr in Vergessenheit.

Wenn von Globalisierungsprozessen gesprochen wird, so geschieht dies zumeist aus der Perspektive der „global players“, d.h. derjenigen, welche Profit daraus schlagen und sich zu den Gewinnern zählen können. Die andere Sichtweise wird nur selten eingenommen und die Schwierigkeiten, mit denen diese „global non-players“ zu kämpfen haben, werden noch mehr vernachlässigt. Dabei ist z.B. ein ganz wesentliches Faktum, dass Afrika seine kollektive kulturelle Identität von außen bekommen hat. Die bis zur Zeit der Kolonialisierung entstandenen Eigenkulturen wurden durch die Fremdbestimmung größtenteils zerstört und dies führte zu einer Entfremdung der Afrikaner von sich selbst. Sie wurden dazu gezwungen, in einer minderwertigen Weise von sich selbst zu denken. So wurde u.a. auch die eigene Sprache abgewertet und die Kultur und das Auftreten der Weißen als eine höhere Instanz wahrgenommen. Die eigene Identität musste oft verleugnet werden und es erfolgte ein Aufzwingen fremder Kulturen und Identitäten. In der neokolonialen Periode war das einzige Ziel, sich den Europäern anzugleichen, ja gleichsam europäisiert zu werden. In der nächsten Phase zeichneten sich klare Differenzen ab, zwischen jenen, die diesen Weg der Assimilation und Anpassung wählten, und jenen, die versuchten ihre eigene Identität wiederzufinden. Die „global-players“ müssten vermehrtes Interesse an den kulturellen Identitäten und eigenständigen Entwicklungen der „global non-players“ zeigen, und diese nicht bloß als Mittel zur Verwirklichung ihrer eigenen Pläne gebrauchen.

Wir sind und bleiben Individuen mit einer jeweils eigenen spezifischen Identität und leben in einer ganz bestimmten lokalen Kultur. Wie dargelegt wurde, ist jede Tendenz zur Homogenisierung auch von gegenläufigen Entwicklungen begleitet, und daher wäre es unachtsam, von einer bloßen Universalisierung und Vereinheitlichung oder gar dem Verlust kultureller Identitäten zu sprechen.

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Ein Kommentar zu “Globalisierung und Wahrung der nationalen Identität

  1. Der Geist wächst aus dem Ort, daher muß uns nicht bange sein um das Verwurzeln des Menschen im Ort, im Land und damit in der Heimat. Diese ganzen Auflösungstendezen in der „einen Welt“ werden scheitern, die ortsgebundene Multipolarität wird den Sieg davontragen. Es ist zugleich ein Sieg des Idealismus über den Materialismus!

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