17 Juni 1953 – Die Bürger wagen den Aufstand

Der Aufstand des 17. Juni steht in den Traditionen progressiver, gesamtdeutscher, historischer Ereignisse, wie die Märzrevolution 1848/49 oder die Novemberrevolution 1918/19, denen gesellschaftliche Entwicklungen wie die 68er-Bewegung und die friedliche Revolution von 1989/90 folgten.

Am 17. Juni 1953 zeigte kein einheitliches, an allen Orten ähnlich ablaufender Aufstand statt. Stattdessen verliefen die spontanen Erhebungen regional äußerst unterschiedlich. Während die Berliner Bauarbeiter vor allem soziale und wirtschaftliche Forderungen vorlegten, verfasste die zentrale Streikleitung des Kreises Bitterfeld folgendes Programm:

1. Rücktritt der sogenannten Deutschen Demokratischen Regierung
2. Bildung einer provisorischen Regierung aus den fortschrittlichen Werktätigen
3. Zulassung sämtlicher großen Parteien Westdeutschlands
4. Freie, geheime, direkte Wahlen in vier Monaten
5. Freilassung sämtlicher politischer Gefangener
6. Sofortige Abschaffung der Zonengrenze und Zurückziehung der Volkspolizei
7. Sofortige Normalisierung des Lebensstandards
8. Sofortige Auflösung der sogenannten Volksarmee
9. Keine Repressalien gegen einen Streikenden

Ebenso wie die Aufständischen waren die Reaktionen der lokalen SED-Funktionäre unterschiedlich. So befahl Paul Fröhlich zwischen 13 und 14 Uhr den Leipziger VP- und MfS-Angehörigen den Gebrauch ihrer Schusswaffen, obwohl der Ausnahmezustand erst 16 Uhr ausgerufen wurde. Dagegen versuchten am 16. Juni Funktionäre wie Fritz Selbmann in Ost-Berlin oder am 17. Juni Otto Buchwitz in Dresden die Streikenden zur Wiederaufnahme ihrer Arbeit zu bewegen. Die SED-Bezirksleitung von Karl-Marx-Stadt versprach auf die sozialen Forderungen einzugehen.

Die verschiedenen Streikleistungen bemüht sich, Sachbeschädigungen und Gewalt gegen Personen zu verhindern, wobei sie meist wenig Einfluss auf die Geschehnisse außerhalb ihrer Betriebe hatten. Sie waren außerdem auf die strikte Einhaltung demokratischer Regeln bedacht und vermieden antisowjetische Losungen, da ihnen bewusst war, dass gegen die Sowjetunion keine gesellschaftliche Veränderung in der DDR erreicht wird. Ältere Arbeiter, technische oder kaufmännische Angestellte, die auf ihre Erfahrungen im politischen und gewerkschaftlichen Kampf vor 1933 zurückgreifen konnten waren führende Akteure in den Streikleitungen. In Städten wie Dresden, Halle entwickelten sich die Massendemonstration eigendynamisch und unabhängig von den Streikleitungen. Der Aufstand des17. Juni war eine spontane Massenerhebung ohne zentrale Führung und ohne einheitliche Strategie. Hierin sehen einige Historiker eine Ursache für das Scheitern des Aufstands.

Die Beteiligung Jugendlicher am Aufstand war sehr hoch. Weil viele Jugendliche sich an den Zerstörungen von Einrichtungen und Symbolen der SED, des MfS und der FDJ beteiligt hatten, war ihr Anteil an Verhafteten und Verurteilten besonders hoch. Das heißt, mehr als die Hälfte der Verurteilten waren junge Menschen.

In Otto Grotewohls Rede auf dem 15. ZK-Plenum (24-26. Juli 1953) wurde der Aufstand zum vom Weste gelenkten „faschistischen Putschversuch“. Der Einsatz sowjetischer Streitkräfte wurde als Aktion im „Geiste des proletarischen Internationalismus“ bezeichnet. Nach Franz-Josef Strauß gab es für die Bundesregierung keine Möglichkeit zu ernsthaftem Handeln. Aufgrund ihrer außenpolitischen Interessen in Asien (Korea, Taiwan, Indochina) waren die USA an keine Änderungen des damaligen Status quo in Europa interessiert. Der Aufstand vom 17. Juni 1953 verschärfte in der Sowjetunion den seit Stalins Tod am 5. März 1953 ausgebrochenen Kampf um dessen Nachfolge. Während Lawrentui Berija eine Freigabe der DDR favorisierte, befürchtete die siegreiche Fraktion um Nikita Chruschtschow als Vorbildfunktion auf andere osteuropäische Staaten oder Nationen innerhalb der Sowjetunion. Als Folge wurde 1955 der Warschauer Vertrag ratifiziert, der die DDR und osteuropäischen Staaten militärisch an die Sowjetunion band und die Teilung Europas festigte. Während Jugoslawiens Edvard Kardelj den Aufstand als das wichtigste Ereignis nach dem jugoslawischen Widerstandes von 1948 bezeichnetete, wurde von der polnischen Führung der Aufstand als politisches Warnsignal betrachtet. Sie befürchteten, dass vergleichbare gesellschaftliche Proteste auch in Polen stattfinden würden.

Der Aufstand des 17. Juni ließ jeden in der DDR erkennen, dass das SED-Regime nur mit Hilfe sowjetischer Waffen aufrechterhalten wurde. Um einen weiteren Aufstand auszuschließen, baute die Stasi in den kommenden Jahren ein dichtes Netz der Überwachung und Bespitzelung auf. Die „Abstimmung mit den Füßen“ breiter Bevölkerungsschichten unterband Ulbricht schließlich mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Allerdings begünstigte die DDR-Sozialpolitik in den folgenden Jahren die Arbeiter der Schwer- und Bauindustrie. Die Fürsorge für Rentner und Behinderte blieb auf ein Minimum beschränkt. Die vor 1989 bestehende Opposition formierte sich aus allen Bevölkerungsschichten und konnte dank der Vernunft der sowjetischen Machthaber ihre politischen Ziele erreichen.

Bertold Brecht verarbeitete die Ereignisse des 17. Juni in seinem Gedicht „Die Lösung“ mit dem berühmten Schlusssatz: „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Brecht und seine Haltung zu den Ergebnissen des 17. Juni sind Gegenstand des „deutschen Trauerspiels“ Die Plebejer proben den Aufstand, das Günter Grass 1966 veröffentlichte.

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