Die Reden an die deutsche Nation von Fichte

Die Reden an die deutsche Nation von Johann Gottlieb Fichte (* 19. Mai 1762 in Rammenau; † 29. Januar 1814 in Berlin) wurden in den Jahren 1807-1808 gehalten und 1808 publiziert. Auf dem ersten Blick scheinen sie als typisch nationales Werk, weil erstens die Vortrefflichkeit der deutschen Nation behauptet wird; zweitens der Primat der Nation über den Individuen betont wird; drittens die Ausbildung der sich zur Nation aufopfernden Menschen zum Ziel der Erziehung gemacht wird. Aus diesen Gründen waren die Reden immer Gegenstand heftiger Diskussionen. Beachten muss man, dass die Reden in einer besonderen Situation, nämlich der Beherrschung Napoleons über Deutschland gehalten wurden. In den Reden, nimmt Fichte, die Sonderstelle des Deutschlands im damaligen Europa in Betracht ziehend, eine strategische Haltung ein. Indem er berücksichtigt, dass die politischen Einheit Deutschlands viel Zeit bedarf, zieht er die kulturelle Einheit der deutschen Nation und die Nationalerziehung für diese vor.

Nach Fichtes Ansicht hat die Beherrschung Napoleons eine Vorgeschichte. In den verschiedenen deutschen Lebensbereichen verstärkte sich bereits vorher eine Tendenz der Nachahmung französischen Stils. Deutschland hatte bisher eine friedliche Haltung zu den anderen europäischen Nationen. Viele Widersprüche Europas konzentrierten sich auf Deutschland und wurden sozusagen zum „Inbegriff des gesamten christlichen Europa im Kleinen“ gemacht. Deutschland fehlte es lange Zeit an dem einheitlichen Staat. Aus diesem Grund konnten andere Nationen es einmischen bzw. beherrschen. Aus dieser Sonderstellung Deutschlands entsteht seine welthistorische Aufgabe. Der Kampf der Deutschen gegen Napoleon schließt an die Befreiung ganz Europa an.

Nach Fichtes Verständnis gehörten die Deutschen und Franzosen zusammen zur germanischen Nation und bildeten das fränkische Reich. Fichte versucht, durch die Kooperation der „beiden Theile der gemeinsamen Nation“ (Rede 5, 341), nämlich zwischen den Deutschen und den Franzosen eine neue Ordnung des Europas zu bauen. Fichte warnte vor damaliger Mini-Globalisierung in Europa. Die Erweiterung der Industrie und des Verkehrs hat seines Erachtens den Wetteifer die Beraubung und die Beherrschung der anderen Nationen zur Folge. Schon in dem geschlossenen Handelsstaat von 1800 schlug Fichte die Autarkie jeder Nation vor. Diese Behauptung Fichtes mag anachronistisch klingen. Aber in der heutigen Globalisierung unter der Berücksichtigung sowohl der Vergrößerung der ökonomischen Ungleichheit zwischen den Nationen als auch der Verschwendung der natürlichen Ressourcen enthält die Kritik Fichtes einen vorausschauenden Faktor.

Fichte empfindet den Hauptmangel der Deutschen in der Ausbreitung der „Selbstsucht“ oder des Eigennutzes sowohl in den herrschenden Klassen als auch in den Volksmassen. Diese Selbstsucht ist eine Wurzel des Verlustes der Selbständigkeit der Deutschen. In den Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters hielt Fichte die Überwindung der Selbstsucht als dringende historische Aufgabe der Menschengattung. Aber in den Reden im neuen Zustand veränderte er sein Urteil: In Deutschland „hat die Selbstsucht durch ihre vollständige Entwicklung sich selbst vernichtet, indem sie darüber ihr selbst und dessen Selbständigkeit verloren; und ihr, da sie gutwill keinem anderen Zweck; denn sich selbst sich setzten wollte, durch äusserliche Gewalt ein solcher anderer und fremder Zweck aufgedrungen worden.“ (Rede 1, 264). Damit eröffnet sich der deutschen Nation vielmehr eine Möglichkeit, Selbstsucht zu überwinden, „die neue Zeit, vorangehend und vorbildend für die übrigen, zu beginnen.“ (Rede 3, 306).

Das Ziel der Erziehung besteht darin, den vollkommenen Menschen auszubilden, welcher „thätig, wirksam, sich aufopfernd“ für sein Volk ist (Rede 8, 383). Ohne „Aufgabe der Erziehung zum vollkommenen Menschen“ zu lösen, ist es unmöglich, den „vollkommenen Staat“, den einheitlichen Staat der deutschen Nation zu bauen (Rede 6, 354). Bedingungen für die Modernisierung jeder Nation bestehen in den Aufbau eines einheitlichen Staats und in der Sicherung der Rechte ihrer Bürger. In Deutschland fehlen diese zwei Bedingungen (Rede 13, 477). Fichte möchte die politische Einheit Deutschlands nicht hastig realisieren. Er zieht es in Betracht, dass in der Vergangenheit die verschiedenen deutschen Reiche eigene Staatssysteme annahmen, und deshalb die Schaffung ihrer politischen Einheit viel Zeit bedarf. Nach der Strategie Fichte besteht die dringende Aufgabe der deutschen Nation darin, dass alle deutsche Reiche ihre gemeinsame kulturelle Tradition, wiedererkennen und sich auf diese Grundlage assoziieren.

Fichte betont die Bedeutung der Nation oder das Volks. Das Volk ist für den einzelnen Menschen das ursprüngliche, „von welchem er abstammt, und unter welchem er gebildet wurde, und zu dem, was er jetzt ist, heraufwuchs.“ (Rede 8, 381) Das Volk „liegt weit hinaus über den Staat“ als Anstalt für „die Erhaltung des inneren Friedens, des Eigenthums, der persönlichen Freiheit, des Lebens und Wohlseyns aller“. Dieser Staat ist nur „Mittel, Bedingung und Gerüst“ für das Volk (Rede 8, 384). Daher steht die „Vaterlandliebe“ über „der bürgerlichen Liebe zur Verfassung“ (Rede 8, 387). Nach Fichtes Ansicht besteht das Wesen der Nation in der Gemeinsamkeit der Sprache und in ihrer reinen Erhaltung, für es sind die Gemeinsamkeit des Wohnorts und die reine Erhaltung der Abstammung sekundär. Trotz der Veränderung ihres Wohnortes und Blutvermischung erhielt die deutsche Nation die germanische sprachliche Tradition, während andere germanische Nationen diese Tradition verloren.“ (Rede 4, 313f.) Fichte gibt hier nicht der deutschen Nation den Vorrang vor anderen europäischen Nationen.

Fichte fasst „den Ernst“, „die Gründlichkeit“ und „das freie Denken“ (Rede 6, 351ff; Rede 13, 470) als „deutsche Grundzüge“ auf. Nach seiner Ansicht stammt die deutsche Freiheit sowohl aus der sozialen Freiheit der Polis im alten Griechenland (Rede 7, 366) als aus der inneren Freiheit des Christentums im Altasien (Rede 6, 353) uns verbindet beide Freiheitsformen. Die christliche Freiheit wurde durch den römischen Katholizismus verfälscht, aber durch die Reformation Luthers wiederhergestellt (Rede 6, 354).

Obwohl Fichte diese Nationaleigentümlichkeiten der Deutschen betont, ist er nicht ein geschlossener oder ausschließender Nationalist. Er versucht, die Nationalität mit der Internationalität auf der Basis der gegenseitigen Anerkennung der Verschiedenheit jeder Nation zu verbinden. Er versteht es als Hauptaufgabe, dass der Mensch „zunächst seine Nation, und vermittelst ihrer das ganze Menschengeschlecht, innigst mit ihm selber verknüpft“ (Rede 8, 382), dass Volk „ihre Eigentümlichkeit beibehalten und […] auch den anderen Völkern die ihrigen zugestehen“ (Rede 14, 471), dass jedes Volk sich zu „nicht engherzigem, und ausschließendem, sondern allgemein und weltbürgerlichen Geiste“ erhebt (Rede 7, 366).

Heute in Anbetracht der negativen Aspekte der Globalisierung können die Reden neue Bedeutung erlangen. Dieses Konzept Fichtes ist aktuell, um sich bei der internationalen Assoziierung vor der Hegemonieergreifung, der Standardisierung einer bestimmten Nation und vor der Nivellierung verschiedener Kulturen zu hüten. Die heutige Europäische Union könnte diesem Konzept vieles lernen.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Die Reden an die deutsche Nation von Fichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s