Anschläge (2)

Anschläge (1)

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Für jede große Tyrannei benötigt es die Lüge und ihre Verbreitung. Alle modernen bürgerlichen Schein-Demokratien betreiben einen immensen Aufwand, wenn es darum geht, das Volk tagtäglich mit neuen Informationen und auch Desinformationen zu versorgen. Die sogenannte veröffentliche Meinung versucht mit allen Mitteln, die sogenannte öffentliche Meinung zu beeinflussen. Was die heutigen Medien von den alten unterscheidet ist wohl – abgesehen von ihrer technischen Entwicklung – der nicht dumme Schachzug, das Wort „Propaganda“ nicht ein einziges mal mehr zu gebrauchen. Dies hat zur Folge, daß Zuschauer, Leser und Zuhörer nicht mehr auseinanderhalten können, was der politischen Mobilmachung, was der objektiven Berichterstattung und was der schlichten Unterhaltung dient. Nirgends wird der Machiavell‘ so konsequent durchgeführt wie im Bereich der Medien: Mit verschiedensten Umschlägen und unter verschiedensten Schlagzeilen bringt die herrschende Elite ausschließlich jene Nachrichten in die Masse, die sie hören soll – und da die Propaganda unter dem Etikett >>frei<< firmiert, können selbst plumpeste und irrealste Botschaften als „Journalismus“ verkauft werden. Tatsächlich aber liegen die Medien in den Händen von wenigen, und ihre gelieferte Information wird immer im Sinne der Herrschaft sein, denn die Medien sind Teil von ihr. Sie stellen die Zucht des Menschen zum Staatsbürger sicher, indem sie Anspruch auf Deutungs- und Interpretationshoheit erheben. Noch einmal: Sie zeigen dem Bürger bestimmte Dinge so, wie er sie in einer bestimmten Situation sehen s o l l. Sollte es kritische Stimmen geben, so werden die großen Medien-Organe ihre schiere massenmäßige Gewalt ausüben und rücksichtslos mit ihrer Hilfe zuschlagen. Sie werden die subtile Manipulationsgabe des bewegten Bilds und des stimulierenden Tons bis zum Letzten missbrauchen, um ihre Version der Realiät als die allgemein Gültige zu verkaufen. Dafür werden sie alles tun, was nötig ist, um sich in der Sphäre der informativen Deutungshoheit zu halten, und keine Lüge ist ihnen zu niederträchtig. Für sie ist es nicht notwendig, eine bereits anderweitig verkündete Wahrheit zu widerlegen: Sie behaupten einfach das Gegenteil, und da sie es mit plumpem Vergnügen und heimtückischer Schmeichelei tun, wird man ihnen Gehör schenken. Was soll ein kleiner Verlag, eine kleine Zeitschrift, oder ein sonstiger Versuch der Berichterstattung von u n t e n schon an Wahrheit zu verkünden wissen! Wenn das Staatsorgan von der zehntausend-, ja millionenfachen Mehrheit gelesen und gesehen wird, dann wird gerade dies seine Legitimation sein und mit ihr der Beweis, daß sich hier die Wirklichkeit abspielt. – Und was könnte der Masse mehr schmeicheln, als sie sebst als Messwert für Wahrheit heranzuziehen. So stellen die Sirenen des Staates, ganz genauso wie die Parteien, sicher, daß sich die Verirrten niemals von ihnen abwenden werden. Wie oft musstest Du schon das schlecht verträgliche Wiedergekäue jener hören, die den Herrschern Glauben schenken! Und Du wirst es noch oft erleben, denn die Einfalt ist grenzenlos in diesem Land!

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Durch die subtile Macht der Medien gelingt es den westlichen „demokratischen“ Staaten, die Volksmassen in dem Glauben zu lassen, sie würden die wahre Macht in ihren Händen halten, und daß die Nationen ihnen, den Völkern, gehören würden. Die tagtägliche „demokratische“ Propaganda ist für die Herrschenden notwendig, um die wahre Struktur ihres Staates, die oligarchische Fratze, mit den bunten Masken des Pluralismus zu verschleiern. Die Medien selbst sind nach streng machiavellistischem Prinzip pluralistisch aufgestellt: Die Herrscher erlauben ihren eigenen Medien, sie zu kritisieren. Dadurch, daß sie den Medien nur solche Kritiken erlauben, die nicht die Fundmente des staatlichen Systems als solche angreifen, sondern lediglich, gleich einer peniblen Restaurierungsarbeit an einem antiken Gegenstand, einzelne politische Entscheidungen und Entwicklungen offenlegen und diskutieren, ist die Legitimation des staatlichen Systems in seiner Gesamtheit stets sichergestellt. Darüber hinaus ist es Aufgabe der Medien, neben Diskussionsanstößen auch die dazugehörigen Positionen sowohl zu entwerfen, als auch den Diskutanten zuzuteilen, auf daß sich der Diskurs auf dem Papier schnell in die Stuben und auf die Straßen verlagere. Links, rechts, liberal, sozial, konservativ, grün, sozialistisch, faschistisch – zusammenfassende Begriffe, die in erster Linie von den Medien definiert, kultiviert und teils sogar erschaffen werden. Wie in jedem anderem Wirtschaftszweig auch, arbeiten die Medien mit der Feststellung und Festlegung von Zielgruppen. So gibt es für jedes politische Lager stets eine passende kommerzielle Zeitschrift; dabei ist es keine Seltenheit, daß zwei sich völlig widersprechende Medienprojekte mit völlig unterschiedlichen Zielgruppen den gleichen Medienbossen gehören. Der Gedanke, daß es sich hierbei um einen staatspolitisch-medialen Betrug handeln könnte, der eben kein Zufall oder Skandal ist, sondern mit System tagtäglich anhält, erscheint im Volk als Eigenbrötlerei von am Rand stehenden Sonderlingen. In den Massen hingegen sammeln sich die Anhänger, die dem Medizinmann abkaufen, er könne es regnen lassen, und obwohl er ihnen schon mehrfach und mannigfaltig das Gegenteil bewiesen hat, möchten sie doch an dem Glauben festhalten. Es ist der stoische Glaube an die Demokrati und Pressefreiheit, aber nicht als konkretes politisches System, sondern als Ideal der Freiheit und Gerechtigkeit, der für das Funtkionieren der modernen bürgerlichen Gesellschaft notwendig ist. Obwohl der Staat sogut wie allen Grundsätzen, die er vertritt, mit seinen Taten widerspricht, glauben die Völker weiter fest an seine Legitimation. Der Bürger w i l l glauben. Würde der Bürger nicht davon überzeugt sein, daß der ihn beherrschende Staat richtig und gerecht ist, könnte er unter keinen Umständen Bürger sein. Denn sollte der bürgerliche Mensch nicht gerade hart arbeiten, um sich sein Leben zu finanzieren, übt er sich in allen möglichen Disziplinen des kleinbürgerlichen Volkssports: Stammtischerei, Vereinsmeierei und Schrebergärtnerei für die Alten; Sauferei, Spiel und Subkultur für die Jungen. Generationenübergreifend wählt man zuvörderst den bequemen Weg des “kleinen Mannes”, was den Rückzug in ein kleines, von den politischen Realitäten weitestgehend abegeschottetes Biotop zwangsläufig zur Folge hat.

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Den absoluten Großteil der Wut, den er durchaus gegen die Herrschaft aufbaut, wird der Massenmensch entweder an seinesgleichen oder aber besser noch an jenen, die unter ihm stehen, auslassen. Er wird die, die ihn beherrschen, nicht ein einziges mal zu Gesicht bekommen, er wird ihre Namen, geschweigedenn ihre Ziele niemals erfahren- wohl aber wird er es glauben. Er wird sich dabei an all dem Wissen bedienen, das ihm die kontrollierten Medien zur Verfügung gestellt haben, und er wird es für Gold halten. Er wird es vermutlich, wie viele andere auch, und das ganz unabhängig von seinen geistigen und körperlichen Fähigkeiten, zu einem nichtigen Posten weit unten in der Hierarchie des Staates bringen – und damit wird er sich womöglich sein Leben lang stolz brüsten. Die Sphäre der g r o ß e n Politik hingegen ist dem Bürger verwehrt; doch auch ohne Verbot würde er den Vormarsch in diese g r o ß e n, w e i t s i c h t i g e n Gebiete nicht wagen. Nicht nur, daß er nicht versteht, daß private Souveränität und finanzielle Liquidität keineswegs politische Souveränität bedeuten; in die Gebiete der Politik vorzudringen würde für ihn zwangsläufig heißen, die Geborgenheit und Sicherheit, die Einfachheit in Tat und Geist, aufgeben zu müssen: Und sind es nicht die gleichen Attribute, die seine Bürgerlichkeit an sich überhaupt erst legitim machen? Sind diese Dekadenz-Werte nicht die gleichen, die sein verdorbenes Verständnis von „Demokratie“ unterfüttern? Würde es der Bürger wagen, eine höhere Ebene der faktischen Macht zu erlangen, dann würde somit zur selben Zeit die Aufgabe seines bürgerlichen Daseins wagen. Er wäre gezwungen, das demokratische Wunderland, mit seiner Brüderlichkeit, Freiheit und vor allem Gleichheit, zu verlassen und sich auf ein gnadenloses Spiel der Macht einzulassen. Er würde eine Welt kennenlernen müssen, in der die Politik, und alles, was mit ihr zusammenhängt, keineswegs ausgestorben ist. Alle Phrasen, die er kannte, alle Versprechungen, die ihm gemacht wurden und alle Wahrheiten, an die er fest glaubte, würden alsbald in sich zusammenbrechen. Die allerwenigsten sind heute bereit, diesen Schritt zu tun – man bleibt versteckt und Teil der Masse und Allgemeinheit.

– Wird fortgesetzt –

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