National und antinational. Eine Skizzierung.

Sprechen – oder viel mehr streiten – Vertreter der sogenannten Linken und der sogenannten Rechten über die nationale Frage, so reden sie in der Regel aneinander vorbei. Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint der Konflikt beider Seiten oberflächlich: „Linke“ lehnen die Nation ab und möchten sie ihrem Habitus gemäß überwinden, „Rechte“ befürworten sie und machen sie zur Grundlage aller politischen Handlungen. Hierbei ist es die Mehrdeutigkeit des Begriffs „Nation“, der die Diskutanten zwangsläufig vor Probleme stellt. Ist etwa für den klassischen Linken die Nation ein rein staatlich organisiertes Mittel der Herrschenden, um die Menschenmassen unter ihnen in zwanghafte Formen oder Konstrukte zu zwängen und sie so gefügig zu machen, ist sie für den klassischen Rechten begriffliche Subsumierung aller Eigenarten eines Volkes, samt Raum, Kultur und staatlicher Organisation. Während sie also für ein linkes Gemüt vornehmlich epochialen Charakter hat und als Zwischenergebnis des ewigen Kampfes zwischen unten und oben als Nationalstaat entstanden ist, ist sie für das rechte Gemüt eine ewige Konstante, die nicht etwa in einer bestimmten Epoche in Form des Nationalstaats konstruiert, sondern seit Jahrtausenden begründet in kultureller und räumlicher Herkunft, natürlich gewachsen ist. Es besteht also ein riesiger Unterschied darin, ob man die Nation mit „Staat“ allgemein oder mit „Volk“ speziell beschreiben möchte.

Zyklen und Linien

Dieser Diskussion liegen mehrere grundlegende Meinungsverschiedenheiten zugrunde, die letztlich zum hauptsächlichen Dissens zwischen beiden Parteien – den Nationalen und den Antinationalen – führen: Der Nationale erklärt sich die Weltgeschichte nach zyklischem Muster, nach Aufstieg und Fall, eingebettet in ein nahezu irrationales Ordnungsprinzip, das den Menschen quasi zwingt, gleiche politische und gesellschaftliche Zustände immer und immer wieder zu durchlaufen, wobei insbesondere der Aufstieg und Fall Roms als Schema herangezogen wird, das stellvertretend für alle gesellschaftlichen Entwicklungen gelte. Der Antinationale hingegen interpretiert die Weltgeschichte als einen anhaltenden Fortschritt ohne zyklisches Muster und zieht eine Linie von der als gegeben geltenden „Urgesellschaft“ bis hin zum Hier und Jetzt, wobei er alle geschichtlichen Phänomene als Zwischenstationen des ständigen Fortschreitens betrachtet und in ein großes Ganzes einbettet. Diesem linearen Geschichtsbild nach ist die „Nation“ nur eine Haltestelle auf dem Weg zu etwas Besserem und Perfekterem, wobei viele Antinationalisten gleichzeitig versuchen, jene „Perfektion“ zu beschreiben. Der „Kommunismus“ ist die prominenteste Perfektion am Ende der Geschichte, auf die auch heute noch viele Anhänger des Fortschritts versuchen hinzuarbeiten. Auch nichtkommunistische Antinationale folgen ähnlichen Denkmustern, wenn ihre Perfektion am Ende der Geschichte auch weniger konkrete Form annimmt, sondern viel mehr einem dunklem Utopismus gleicht, der zwar nicht zu beschreiben, aber dennoch zweifellos vorhanden ist. Einig sind sie sich darin, daß die Nation ihrer Form nach veraltet ist und ohnehin nur der Machtzementierung der Herrschenden gedient habe.

Der Fall Spartakus

Neben den unterschiedlichen Geschichtsphilosophien gibt es noch weitere grundlegende Meinungsverschiedenheiten, die ein Zusammenkommen beider Strömungen nahezu unmöglich machen. Während der Nationale seine Identität im Volk sucht, das heißt die biologische und soziale Realität eines menschlichen Kollektivs, das er für zusammengehörig erachtet, als eine ewige Konstante betrachtet, sucht der Antinationale andere Identifikationspunkte. Anders als der Nationale ist es sein größtes Anliegen, ein menschliches Kollektiv in seine Einzelteile zu zerlegen, vornehmlich Ausbeuter und Ausgebeutete zu suchen und alle kulturellen, politischen und geographischen Kriterien diesem ewig klassenkämpferischen Prinzip unterzuordnen. Kampf zwischen oben und unten: Organische Betrachtungen werden in dieser Sicht nicht zugelassen. Viel mehr geht es darum, die volksinternen Gegensätze herauszustreichen, die allesamt, wenn die Kultur schon dem Sozialen untergeordnet ist, auf materialistischer Basis gedeihen würden. Am Fall Spartakus, dem bekannten Legionär, der die größten Sklavenaufstände gegen die Römische Republik anführte, lässt sich sinngemäß heraustreichen, wie unterschiedlich die Sichtweisen beider Lager auf ein und die selbe Sache sein können. Für den Nationalen ist Spartakus ein Patriot und Freiheitskämpfer, der seine trakischen Wurzeln und seine Herkunft nie vergessen hat, und mit Menschen in der Sklaverei lebte, die ebenfalls aus ihren angestammten Lebensräumen gerissen wurden. Lebend als entrechtete Fremde, die weder partizipieren durften am römischen Wohlstand noch an der römischen Identität, sahen sie sich einer Fremdherrschaft gegenüber, die mit ihrer angestammten Identität nicht das geringste gemein hatte. Keinerlei Verpflichtungen gegenüber dem als fremd empfundenen Rom kannten diese Sklaven, und niemand von ihnen hat für das Recht gekämpft, sich „Römer“ nennen zu dürfen, sondern allein um die imperiale Fremdherrschaft zu brechen. Viele hatten das Ziel, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Daß sich dabei verschiedenste versklavte Völker im innern Roms im Kampf zusammenschließen, widerlegt diese Ansicht keineswegs: Nicht nur einmal in der Geschichte schlossen verschiedene Völker Bündnisse, um einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen.

Antinationale, allen voran die Kommunisten, interpretierten den Fall Spartakus jedoch auf andere Weise: Sie sehen ihn als einen der ersten prominenten Klassenkämpfer, als Anführer eines Sklaven-Proletariats, daß gegen die römische Bourgeoisie in den Kampf zog. Während kulturelle und ethnische Aspekte dabei völlig ausgeblendet werden, sei es ausschließlich das soziale Elend, der schlechte Lebensstandard, die ständige Präsenz der Bevormundung, Unterrückung und letztlich des Todes, was die Erhebung des Spartakus zur Folge gehabt habe. Erscheinungen wie der kommunistische „Spartakus-Bund“ in der Weimarer Republik zeigt an dieser Stelle deutlich, wie sehr sich diese Strömungen mit der Figur Spartakus als einem der ihren identifizierten. Warum sich diese Regeln nicht auf den einfachen römischen Soldaten anwenden lassen, der ebenfalls ein Leben bestehend aus Bevormundung, Übervorteilung und Tod lebte und in Massen namenlos an den unzähligen römischen Fronten starb, kann diese rein materialistische Betrachtungsweise nicht erklären.

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