Anschläge (1)

Das Ziel ist die totale Hinterfragung.

-1-

Der gegenwärtige Staat ist nicht passiv, sondern aktiv. Sein höchstes Bestreben liegt darin, eine automatisierte Gesellschaft zu erschaffen, die, ihrem eigenem Willen gänzlich beraubt, nur noch dafür existiert, die herrschende staatliche Struktur zu erhalten und den Eliten zu ihrem Profit zu verhelfen. Dies ermöglicht es dem Staat und allem, was mit ihm zusammenhängt – Medien, Wirtschaft, Finanzmarkt, Exekutive, etc. -, den unter ihm lebenden Menschen ganz auf seine Weise zu erziehen und einzusetzen. Letztendlich hatten und haben alle Staatswesen dieses Ziel, doch unter Berücksichtigung des immensen technischen Fortschritts und den daraus resutlierenden Möglichkeiten, die den heutigen Staatswesen zur Verfügung stehen, müssen wir doch feststellen, daß kein vorheriger Staat in diesem Bestreben so weit vorangeschritten ist, wie jener, der sich derweil über die Vaterländer des Westens spannt. Zweifellos werden diese modernen Großstaaten weiter daran arbeiten, ihre Macht, insbesondere global, auszubauen: der Westen, die Westliche W e r t e g e m e i n s c h a f t, wird Imperium – sie ging schon viele Schritte in aller Öffentlichkeit dort hin -, und wenn sie Imperium wird, muss er von einem Imperator beherrscht werden. Sie muss Kriege führen – was sie tut -, eine strenge ökonomische und sozialpolitische Linie vorgeben und nicht zuletzt allumfassende Kontroll-, Beherrschungs- und Unterdrückungsmechanismen für die annektierten Provinzen einrichten, so wie auch Deutschland, ja ganz Europa, ausgehend vom amerikanischen Kontinent, derweil zu solch einem provinziellen Herrschaftsraum umfunktioniert wird. Irrig wäre es zu glauben, daß sich ein solches Imperium in einem einzigen Mann widerspiegeln könne: In Zeiten, in denen die utopische Idee weit höher steht als der Mensch selbst, kann die Last des Imperialen nicht länger auf den Schultern Einzelner liegen. Wer ein Imperium immenser Größe führen will – und der Westen befindet sich mitsamt seiner wirtschaftlichen, politischen, militärischen und kulturellen Vereinheitlichung auf direktem Wege dort hin – der ist auf die Hilfe von Gleichgesinnten angewiesen. So kommt es zum Phänomen von ganzen Herrscher-Cliquen – jeder an seinem Platz, jeder nach seinen Fähigkeiten -, die, im Dunklen und Verborgnen, fernab vom parlamentarischen Theater, Order geben. Als Herren des Fortschritts ist ihre moralische Legitimation Sendungsbewusstsein, ihr Mittel zur Machtausübung ist das Geld. Sie gleichen ihrem Zusammenkommen nach einer Räuberbande, denn keine Herkunft oder Kultur verbindet sie, nichts außer dem puren Machtwillen und seinem Kultus stellt diese imperiale Elite. Dies ist auch der Grund, weshalb sie ohne die Herrschaft über das Geld keinerlei Herrschaft ausüben könnte; politische Weisheit existiert nicht, ein Sinn für Ästhetik ist nicht vorhanden und der utopische, ja mythische Charakter, den alte Imperien ihr eigen nennen können, ist längst einer brutalen antiästhetischen Postmoderne gewichen, in der sich der Wille zur Macht und ausschließlich dieser auf den Dächern der Herrschaft seine Wurzeln schlägt. Sie bleiben im Verborgenen. Jene, die sich Politiker nennen, sind weit von den eigentlichen Hebeln der Macht entfernt und spielen die Rolle, die den wahren Herrschern gut und recht ist.

-2-

Während die Gegensätze zwischen Untertan und Herrscher etwa zu feudalen, selbst noch zu frühindustriellen Zeiten klar erkennbar waren – und in vielen außereuropäischen- und nordamerikanischen Teilen der Welt noch immer sind -, so ist das Verhältnis, durch die enorme Ausdehnung und Staffelung der gesellschaftlichen Hierarchie, in welcher Rang und Name zunehmend vom Geld gefasst und bestimmt wird, zum einen sowie durch die Einführung der D e m o k r a t i e – als Behauptung, nicht als Tatsache – zum andern, wie nie zuvor getrübt worden. Heute können Herrscher, in Gestalt des Bürgers, gleichzeitig Untertanen sein, ja müssen es sein; die Souveränität jeder einzelnen Elite ist in unserem staatlichen Rahmen >>verfassungsmäßig<< beschränkt, indem sie „unter dem Gesetz“ stehen. Nur jene Eliten, die die Verfassung verantworten, ja gemacht haben, sind davon befreit und haben Handlungsgewalt, wie sie auch die alten Herrscher und Tyrannen hatten, wenn auch völlig verschieden in Gestalt und Form. Dazu zählt etwa, daß sie, die Eliten, despotische Herrschaft niemals in der Öffentlichkeit als e i g e n t l i c h e Macht praktizieren dürfen. Die Konzeptionalität des S t a t t h a l t e r s, wie zu Zeiten der alten Imperien, die Benutzung und Ausnutzung von provinziellen M a r i o n e t t e n mit Parteibuch, die sie Politiker nennen, hat sich daher bis in die Dörfer hinein ausgedehnt, und jede Nation leidet unter diesem Mangel an echter Führerschaft, sie leidet unter einer Schein- und Vasallenführerschaft, die sich nunmehr über alle räumlichen Instanzen hinaus erstreckt; während zu anderer Zeit es niemals ein Geheimnis war, welche Personen mit den Herrschenden gemeinsame Sache machten, für sie arbeiteten oder ihnen schlicht besonders wohl gesonnen waren – und welche es aufgrund dessen im Normalfall zu meiden galt – werfen sich die Wölfe des Tyrannen heute in den Schafspelz, und selbst auf kleinster politischer Ebene wird es „Führer“ geben, die mit ihren Untertanen, die sie Bürger und Wähler nennen, falsches Spiel spielen. – Wie könnten sie auch anders, sind sie, als Scheinführer in einem perfiden Gestrüpp von Illusion und Schauspiel, doch selbst Untertanen einer übergeordneten Macht.

-3-

Das Volk ist nicht aktiv, sondern passiv. Ein Reisender aus einem fernen Land würde annehmen, daß das Volk in einer „Demokratie“, in einer Volksherrschaft, der aktive Teil sein müsse. Er würde vermuten, daß im Volk reger Diskurs herrscht, daß die verschiedenen politischen Trends sich überschlagen und in ständiger und lebhafter Konkurrenz gegeneinander Wettstreit führen; er würde vermuten, daß das Volk selbst alle notwendigen Maßnahmen zur Organisation, Leitung und Sicherung des Staats – der ja praktizierter Volkswille ist – trifft und verfassungsmäßig auch in der Lage ist, diese durchzusetzen. Er würde darüber hinaus vermuten, daß Korruption, Verrat und Eidesbruch in einer Demokratie nicht möglich wären, weil der schuldige Politiker vom Volk zur Rechenschaft gezogen werden könne, was daraus folgt, daß es in einer Volksherrschaft keinen Gegensatz mehr zwischen Herrscher und Beherrschten gegen kann, da beide eines sind; dies alles wäre zweifellos der >>Wille des Volkes<<. Konsequenterweise muss der Reisende auch denken, daß im demokratischen Lande Meinungsfreiheit und ein zwangloser Umgang mit politischen Positionen vorgelebt werde und daß, trotz aller Meinungsverschiedenheiten, ein brüderliches Verhältnis zwischen den Bürgern herrscht, die aufgrund ihrer demokratischen Staatlichkeit gleichzeitig Beamte, ja politische Arbeitskollegen wären. Viel mehr muss er aber einsehen, daß es den „demokratischen“ Systemen nicht um all das geht, sondern um das genaue Gegenteil: Das Parlament und seine Parteien sind vielleicht der größte, aber auch intelligenteste politische Betrug, den sich eine Machtelite erdacht hat. Durch diese Struktur stellt sie sicher, daß der Wille des Volkes durch staatlich organisierte Institutionen (zu denen die sogenannten „etablierten Volksparteien“ gehören) beeinflusst, manipuliert und in für sie ungefährliche Kanäle ableitet. Sie verdrehen de facto alle Werte, die sie arrogant in die Welt hinausschreien. Hinter der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, wie sie von den demokratischen Systemen verkündet wird, steckte am Ende die Vermassung und Vermittelmäßigung, unter gleichzeitiger Aufspaltung und Aufteilung in mitunter absurdeste und künstlichste Interessengruppen, ein Utilitarismus der „reinen Vernunft“, der sich der Lüge der objektiven Moralität bedient, niemals geleitet durch den Volkswillen, sondern durch den Willen weniger Wirreköpfe und fanatischer Dekadenz-Moralisten, die wider besseren Wissens behaupten, man könne den Wahrheitsgehalt einer Idee durch die Menge an Tölpeln prüfen, die sie nachplappern, und die es sich anmaßen, Volkes Willen durch drei Buchstaben und ein abgegriffenes Parteibuch voller Halb- und Viertelwahrheit zusammenfassen zu können. Am Ende jedoch ist es niemals das Volk, das im Parlament tagt: Durch den Einsatz vermeintlich gewählter, „immuner“ Statthalter, samt eigener, pseudohafter Rangordnung und einer Anzahl von Ministerien, bei der selbst alte Sozialisten vor Neid erblassen würden, wird das Parlament schnell zur verhängnisvollen Verschwörungskammer elitärer Handlanger, die in jedem Falle über die Köpfe des Volkes hinweg, und mit ebenso großer Sicherheit gegen das Wohl des Vaterlandes regieren werden.

Wird fortgesetzt.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Anschläge (1)

  1. Pingback: Anschläge (2) |

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s