Islamismus und deren drei Strömungen – Teil II

Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB)

Die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) ist ein eingetragener Verein. Sie untersteht der dauerhaften Leitung, Kontrolle und Aufsicht des staatlichen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten der Türkei, welches dem Ministerpräsidialamt angegliedert ist. Die DITIB ist Gründungsmitglied des Koordinierungsrats der Muslime.

Zu den Zwecken der Organisation zählen die religiöse Betreuung, Aufklärung und Unterweisung der in Deutschland lebenden türkischen Muslime, Einrichtung und Unterhalt von Gebets- und Unterrichtsstätten und die Ausbildung von Laienpredigern, außerdem die Veranstaltung von sozialen und kulturellen Aktivitäten und Sprachkursen sowie die Durchführung von Berufsbildungsmaßnahmen.

Die DITIB regelt die Entsendung hauptamtlicher Hodschas (Gemeindeleiter und Vorbeter) aus der Türkei, die als Staatsbedienstete für rund 4 Jahre kommen und vom jeweiligen Konsulat besoldet und beaufsichtigt werden. Zu bemängeln ist, dass diese Vorbeter weder die genauen Lebensumstände der Türken in Deutschland kennen noch die deutsche Sprache beherrschen.

Das erklärte Ziel, „die Pflege der nationalen Identität unter den türkischen Einwanderern“ kollidiere laut Levent Tezean (Universität Bielefeld) mit den Vorstellungen von einem „Euro-Islam“ bzw. „deutschen Islam“ (Der Euroislam soll Pflichten und Prinzipien des Islam mit der modernen europäischen Kultur und ihren Werten kombinieren), der sich von der Herkunftskultur loslösen soll. Der Journalist Jörg Lau monierte die „Nähe zum türkischen Staat“, die DITIB sei ein „langer Arm Erdogans“.

Lale Akgün (Islam-Beauftragte der SPD) kritisierte das Ziel der Traditionspflege als integrationsfeindliche „Aufforderung, sich abzusondern“. Ebenso warf Akgün der DITIB „Machtgelüste“ und „reaktionäre Gesinnungen“ vor. Die DITIB als einem Ableger der staatlichen türkischen Religionsbehörde gehe es nicht um Religion, sondern um die „Deutungshoheit über das Soziale“. Als Beispiel galt ein Leitfaden im Internet der türkischen Behörde Diyanet, worin „frauenfeindliche Vorschriften“ enthalten gewesen seien. Nachdem man sie zurückgezogen hatte, vertrieb die DITIB weiterhin eine Islam-Fibel mit dem Titel „Erlaubtes und Verwehrtes“, in welcher Schlagen von Ehefrauen als adäquates Verhalten dargestellt wurde.

Laut Ralph Giordano sei die DITIB ein ungeeigneter Bauträger für Moscheen in Deutschland, insofern es ihr eher um die Bewahrung des Türkentums als um Eingliederung in die deutsche Gesellschaft gehe. Ebenfalls leugne die DITIB den Völkermord an den Armeniern und ersetze Religion durch Ultrapatriotismus.

Die Türkologin Ursula Spuler-Stegemann warnte, dass die DITIB so viele Moscheen hierzulande „nach Kriegsherren wie dem Konstantinopel-Eroberer Mehmet II. benenne“. Auch wird dem Verband vorgeworfen, in Deutschland fordere man Religionsfreiheit für Muslime und baue Moscheen, in der Türkei verweigere dieselbe Behörde türkischen Christen und Aleviten den Bau von Kirchen und volle Religionsfreiheit.

Milli Görus (Nationale Sicht)

Milli Görus ist eine länderübergreifend aktive islamische Bewegung. Historisch und ideologisch ist Milli Görus maßgeblich mit dem türkischen Politiker Neemettin Erbakan verbunden, der 1973 ein Buch mit dem Titel „Milli Görus“ veröffentlichte. Erbakan soll die Begriffe „Milli Göruz“ und „Adil Düzen“ (Gerechte Ordnung) eingeführt haben, weil in der Türkei die Propagierung einer „Islamischen Ordnung“ (Nizam Islami) Parteiverbot und strafrechtliche Konsequenzen zur Folge haben könnte.

Während der Zeit als Erbakan im Gefängnis war, entwickelte sich im europäischen Ausland der türkische Nationalismus wesentlich radikaler als in der Türkei selbst. Darunter zerbrach die außertürkische Milli Görus 1983 in zwei Lager, von dem der radikalisierte Teil zur Gemeinde Cemaleddin Kaplans, den späteren Kalifatstaat, übertrat. Ab dem 11.09.2001 trat die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) eine der Nachfolgeorganisation aus der gesellschaftlichen Isolation in den Migrationsländern. Damit ging in Deutschland ein Generationswechsel an der Führung einher, von nun an bestimmte das deutsch-türkische Bildungsbürgertum den ideologischen Kurs.

Bis zum heutigen Tag ist Milli Görus ein Sammelbecken unterschiedlicher Personengruppen und Ideologien, wobei Erbakan die zentrale Integrationsfigur war. Die wichtigste ideologische Gemeinsamkeit ist der Bezug zum Islam, der von vielen Sozialwissenschaftlern islamistisch geprägt ist. Das niederländische Magazin Elsevier bezeichnet den Leiter der IGMG Deutschland als „sehr konservativ und militant“. Eine weitere ideologische Klammer der Bewegung ist Antisemitismus. Die Führung der IGMG distanziert sich öffentlich vom Antisemitismus, gleichwohl befördern Teile der Bewegung ein antisemitisches und antifreimaurerisches Weltbild.

Der Bau und Betrieb von Moscheen ist das wichtigste Ziel der europäischen Diasporavereine. Neben anderen stand beispielsweise 2004 die Kreuzberger Mevlana-Moschee in der öffentlichen Debatte. Wegen des Kopftuchverbots an staatlichen türkischen Universitäten vergibt Milli Görus an türkische Studentinnen Stipendien im europäischen Ausland.

Milli Görüs ist in allen Staaten, in denen sie aktiv ist, außergewöhnlich umstritten. Die Verfassungsschutzämter des Bundes und der Länder beobachten die Organisation. Neben der Kritik an „undurchschaubarer Vereinsverflechtungen“ wird Milli Görüs vor allem aufgrund ihres Fokus auf den Islam und außerinstitutioneller Zielsetzungen Demokratiefeindlichkeit vorgeworfen. So dürfen IGMG-Funktionäre gemäß einem Beschluss des Verwaltungsgerichtshofs Mannheim wegen „Demokratiegefährdung“ nicht nach Deutschland eingebürgert werden. Neben dem Antisemitismus werden vor allem Islamismus- und Nationalismusvorwürfe als Begründung der Demokratiefeindlichkeit erhoben. Das Ziel sei es, „die weltliche Ordnung zu überwinden und durch ein islamisches Gemeinwesen zu ersetzen“. Laut Homepage der Saadet Partisi vom 7.03.2011 erklärte der neue Führer Mustafa Kamalak: „Die Milli Görus-Bewegung wird in Richtung der von unserem Führer festgelegten Ziele – der Gründung einer neuen großen Türkei und einer Neuen Welt – mit gleicher Entschlossenheit weitermarschieren.“

In den 1990er Jahren wurde Milli Görus Verwicklungen in die „Yimpas-Affäre“ nachgesagt, Mitglieder und Funktionäre von Milli Görus sollen gezielt für den Erwerb von Gewinnanteilen so genannte „Islamische Holdings“ geworben haben. Die versickerten Gelder sollen unter anderem die finanzielle und politische Basis der heutigen Regierungspartei AKP gebildet haben.

Seit März 2009 wurde bekannt, dass die Münchner Staatsanwaltschaft gegen den deutschen IGMG-Generalsekretär Ücüncü und weiteren Funktionäre wegen des Verdachts der Weiterleitung von Geldern an militante islamististische Gruppen wie Hamas gesammelt zu haben ermittele. Die Vorwürfe wurden September 2010 fallen gelassen und Ermittlungen vollständig eingestellt.

Die IGMG übt in Deutschland einen großen Einfluss auf die hier lebenden Muslime aus. Sie ist neben der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion der bedeutendste muslimische Verband in Deutschland. Die IGMG ist größtes Mitglied im Islamrat und Mitglied im Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland.

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