Islamismus und deren drei Strömungen – Teil I

Türkische muslimische Organisationen in Deutschland
In den islamischen Ländern existiert von der rein religiösen Gruppe (z.B. Sufi-Orden) bis hin zu hochpolitischen Organisationen (z.B. den Muslimbrüdern) ein breites religiöses „Angebot“. Muslimische Organisationen versuchen in nicht-islamischen Ländern in der Regel, eine Mischung aus Religion, Kultur, politischer Vertretung, juristischer Hilfestellung und Sozialleistungen anzubieten. Innerhalb der religiös homogenen türkischen Gemeinschaft bestehen zahlreiche, einander gegenüber teils sehr kritisch eingestellte Organisationen.

So betreibt der „Verband der Islamischen Kulturzentren“ (VIKZ) die religiöse Vertiefung der eigenen Gemeinschaft. Die Organisation „Risale-i Nur“ ist stark religiös geprägt und betont die Überlegenheit des Islams gegenüber dem „Unglauben“. Die „Förderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa“ (Graue Wölfe) stammt vom extrem rechten Rand des türkischen politischen Spektrums und versucht Nationalismus mit Islam zu kombinieren. Von ihr spaltete sich die „Türkisch-Islamische Union Europa“ (ATIB) ab, die verstärkt Wert auf Religion anstatt auf Politik legt. Alle Organisationen vereint eine nachdrücklich vorgetragene Ablehnung des türkischen Laizismus. Daher begann das türkische Direktorat in den 80er Jahren mit der Etablierung einer dem türkischen Staat nahestehenden Organisation der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (DITIB).

Seit 1994 gibt es den „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ (ZMD), der sich als Gegenspieler zum konservativen „Islamrat“ versteht. Auch er vereint ethnisch wie religiös heterogene Gruppen. Während überwiegend im ZMD nichttürkische Muslime vertreten sind, ist es beim „Islamrat“ genau umgekehrt. Gemeinsam mit dem „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ ruft er Kommissionen ins Leben, die Lobbyarbeit für die Erteilung islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen und für eine Ausnahmegenehmigung für das Schächten in Deutschland wird ebenso betrieben. Die großen Türkisch-islamischen Organisationen wie DITIB und VIKZ sind in keiner der beiden Plattformen vertreten.

Abgrenzung und Definition des Islamismus-Begriffes
Der Begriff „Islamismus“ ist auf das engste mit dem Phänomen des transnationalen Terrorismus verbunden, was jedoch nur zum Teil richtig ist. Die Kombination von Politik (die Einrichtung und Durchsetzung kollektiv verbindlicher Regeln) und Islam wird als Islamismus bezeichnet. Kern ist die Betonung des politischen Aspekts, was sich meist in Plänen zur Errichtung eines islamischen Staates äußert. Im zeitgenössischen Islam gibt es drei wesentliche Strömungen: Modernismus, Traditionalismus und Neofundamentalismus, auch Salafismus genannt.

Modernisten halten alle wesentlichen Errungenschaften moderner Gesellschaften (Demokratie, Menschenrechte usw.) für unislamisch und bereits im Koran- bzw. der Prophetentradition niedergelegt. Sie bewerten die Moderne (abgesehen von der westlichen Familien- und Sexualmoral) positiv.

Im Traditionalismus dagegen steht der Beginn der Moderne im 19. Jahrhundert, speziell der engere Kontakt mit der westlichen Welt und die Übernahme westlicher Sitten, für das Ende der „guten Zeit“. Traditionalisten betonen bei der Ausübung ihres Glaubens die islamische Tradition – oder was sie dafür halten. Die türkische Staatsreligion ist traditionalistisch und der Traditionalismus somit unter Türken wie türkischstämmigen Deutschen weitverbreitet.

Der Neofundamentalismus oder Salafismus (von arab. „Salafiya“, dt. etwa: „den Altvorderen nacheifern“) bestimmt zum größten Teil das mediale Bild des Islam, denn medienpräsente Gruppen wie al-Qaida gehören diesem Spektrum des Islam an, das abgesehen von der absoluten Frühzeit um den Propheten Muhammad quasi alle Entwicklungen als unislamisch negiert. Fundamentalisten achten rigoros auf eine islamkonforme Lebensweise, die teilweise auch kleinste Details regelt. Wegen ihrer sehr engen Definition von Islam bzw. Muslim wird in der fundamentalistischen Weltsicht großen Gruppen (z.B. später entstandenen Glaubensrichtungen wie den Schiiten) das Muslim-Sein abgesprochen.

Wie der Staat auszusehen hat, hängt davon ab, welcher der Denkströmungen die Islamisten entstammen. Der Islamismus kommt in allen drei Kreisen vor. So wurde der Islamismus im Modernismus zur Durchsetzung gesellschaftlicher Reformen herangezogen, im Traditionalismus ersetzt oder ergänzt er den Nationalismus. Einige Islamisten, vornehmlich aus dem fundamentalistischen Milieu, nutzen Gewalt zur Erreichung ihrer Ziele, etwa revolutionäre Aufstände oder Terrorismus.

Zusammenfassend bedeutet Islamismus die Ausübung und Bewertung von Politik auf der Basis islamischer Normen (die je nach Strömung variieren können), wobei die Muslime geeint als politischer Machtfaktor auftreten sollen. Das Ziel ist die oktroyierte Etablierung eines Islamkonformen Staates auf Basis der sari´a.

In den folgenden Teilen werden die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Relegion DITIB eV“ sowie Millî Görüş (Teil 2) als auch der Salafismus und die Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, deutsch: „Partei der Nationalistischen Bewegung“; „Grauen Wölfe“) (Teil 3) betrachtet.

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