Das letzte Lamm

Die Grundschule in Wolfsheim steht in Zentrum der beschaulichen Stadt. Gegenüber liegt das Rathaus und dazwischen der Marktplatz, an welchem jeden Samstag ein großer Basar stattfindet.

In der Schule ist die Hölle los. Die Wölfchen tanzen in der Klasse, werfen mit Papierkugeln und rufen immer wieder, wie toll sie doch sind. In der hintersten Ecke des Raumes kauert ein kleines Lämmchen, welches voller Angst auf das Treiben vor ihm schaut. „Wie konnte es nur soweit kommen“, denkt es sich. Aus Erzählungen seiner Eltern weiß das Lamm, dass früher einmal mehr Lämmer als Wölfe in der Stadt gelebt hatten und dass damals die Stadt noch Lammsdorf hieß. Wie schön muss es mit den ganzen Lämmern gewesen sein. Doch so allein wie das kleine Lamm jetzt war, und ohne Spielgefährten machte es nicht so wirklich Freude. Der Lehrer betritt die Klasse und schlagartig verstummt der Lärm. Mit seiner tiefen, sonoren Stimme richtet er sich an die Klasse:“Heute Morgen steht Wolfskunde auf dem Stundenplan. Ein neues Fach, welches uns nun der Lehrplan vorschreibt. Diese Veranstaltung ist für alle Anwesenden ein Muss!“ Mit scharfem Blick schaut der gutmütige Bär das kleine, weiße, zitternde Lämmchen an. „Auch du, mein Kind, musst diesem Unterricht beiwohnen.“ Er verschränkt die Arme vor dem Bauch und lächelt hinterlistig. Alle Wölfchen schauen mit fasziniertem Blick an die Tafel und zu ihrem Lehrer. „Was gehört zu einem guten Wolf dazu?“, stellt der Bär die offene Frage in die Runde. Sofort schießen alle Tatzen in die Höhe, nur die Pfote des Lämmchen bleibt unten. Es hat keine Ahnung, was zu einem guten Wolf dazu gehören mag. Einer der Wölfchen verkündet stolz:“ Ein richtiger Wolf hat große Zähne und scharfe Krallen.“ „Sehr gut, mein Kind“, antwortet ihm der betagte Bär glücklich. Fragend schaut er in die Runde und nimmt den nächsten, sich meldenden Schüler dran. „Ein richtiger Wolf ist tapfer und kennt keine Angst“ „Sehr schön, mein Lieber.Auch das ist richtig“. Krampfhaft überlegt das kleine Schäfchen, was noch zu einem guten Wolf gehört. Doch es mag ihm im Moment einfach nicht in den Sinn kommen. Wieder lässt der graue Bär seinen Blick in die Runde schweifen, und der nächste kommt an die Reihe: „Ein richtiger Wolf ist hilfsbereit unter seinen Artgenossen, verteidigt seine Sippe und achtet die Gebote, welche ihm vorgeschrieben werden.“

Auch hier nickt der Bär wieder und schaut verstohlen zum kleinen Lamm hinüber, welches immer noch regungslos in der Ecke sitzt. Die Wölfchen sind unruhig und gesprächig, denn jeder von ihnen will etwas beitragen, da sie sich selbst ja wohl am besten kennen. Auch das kleine Schäfchen denkt scharf nach. Wenn es selbst an die Ausführungen der Wölfchen denkt überkommt es das kalte Grauen: Scharfe Zähne und scharfe Krallen. Steht das nicht für Gefahr und Angst. Warum leben denn kaum noch Schäfchen in Wolfsheim? Was war mit ihnen passiert? Das Lamm nimmt die Unterhaltung der Wölfchen mit dem Lehrer nur noch schemenhaft war, denn langsam wird ihm klar , wohin die Lämmer verschwunden sind. Von Schweiß bedeckt und mit tränenden Augen versucht sich das Lämmchen zu erheben und sich einen Weg aus der Klasse zu bahnen. Doch auf einmal ist es still, und alle schauen nur noch auf das Lämmchen, welches jetzt angsterfüllt in der Mitte des Raumes steht. Der Bär schaut das Lamm verlegen an:“ Mein Kind. Du hast ja noch gar nichts dazu gesagt. Was macht also einen richtigen Wolf aus.“ Um es herum sieht das Lämmchen jetzt nur noch große, weit aufgerissen Mäuler hungriger Wölfe, welche es mit gierigem Blick anstarrren. Es weiß, dass sein Todenurteil naht und damit das Ende seiner Art. Doch trotz, dass es unschuldig und angsterfüllt ist, lässt sich das kleine Lamm diese Antwort nicht entgehen, denn es steht zu seiner Familie und den Artgenossen, genauso wie es die Wölfe tun: „Ein richtiger Wolf ist hinterhältig und gemein und frisst am liebsten Lämmer.“ „Genau das, mein Kind“, sagt der große Bär und lacht laut auf. Hinter seinem Rücken holt er Messer und Gabel hervor und zwei Behältnisse mit Salz und Pfeffer. Wie aufs Zeichen springen die Wölfe auf das kleine Lamm und zerfleischen es, ohne ein Gefühl des Bedauerns oder Mitleids, denn ihnen wird von Genration zu Generation weitergegeben, dass sie Lämmer fressen müssen. Und Gebot bleibt Gebot, und dieses wird nicht hinterfragt oder in Frage gestellt. So nahm das letzte kleine Lämmchen in Wolfsheim sein Ende. Doch die Wahrheit über das Verschwinden der Nachbarn, Verwandten und Bekannten nahm das kleine Lämmchen mit ins Grab. Und so ist die Moral von der Geschicht‘: Bringst du Bösem Toleranz entgegen, wirst du selber Opfer dessen werden.

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